Janaina Tschäpe

Ja, das ist gut! Aber es ist erst die Hälfte. Ihr Ehrgeiz wird befriedigt wer­den, aber ob auch ihr Hang nach Spiel und Aben­teuer? Ich bezwei­fle. Für die stündliche kleine Zer­streu­ung und Anre­gung, für alles, was die Langeweile bekämpft, diese Tod­feindin einer geistre­ichen kleinen Per­son, dafür wird Innstet­ten sehr schlecht sor­gen. Er wird sie nicht in einer geisti­gen Ode lassen, dazu ist er zu klug und zu welt­män­nisch, aber er wird sie auch nicht son­der­lich amüsieren. Und was das Schlimm­ste ist, er wird sich nicht ein­mal recht mit der Frage beschäfti­gen, wie das wohl anz­u­fan­gen sei. Das wird eine Weile so gehen, ohne viel Schaden anzurichten, aber zuletzt wird sie’s merken, und dann wird es sie belei­di­gen. Und dann weiß ich nicht, was geschieht. Denn so weich und nachgiebig sie ist, sie hat auch was Rabi­ates und läßt es auf alles ankommen.

[Theodor Fontane: Effi Briest]

Janaina Tschäpe: Lacrimacorpus, © nichido contemporary art

Janaina Tschäpe: Lacrima­cor­pus

noch bis zum 9. Okto­ber aus­gestellt in Once upon a time, Deutsche Guggenheim

Der Tagesspiegel: Glaube ver­setzt Sanddünen

Liebe kommt zuerst, aber gle­ich hin­ter­her kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zer­streu­ung – ja, Zer­streu­ung, immer was Neues, immer was, daß ich lachen oder weinen muß. Was ich nicht aushal­ten kann, ist Langeweile.

[Theodor Fontane: Effi Briest]

Rebecca Stevenson

[…] bre­itarmig griff er in die auf­blub­bernde Bucht zwis­chem dem Granit, suchte, faßte etwas, faßte nach, zog und schleud­erte, laut Platz fordernd, etwas triefend Schw­eres, einen sprühend lebendi­gen Brocken zwis­chen uns: einen Pfer­dekopf, einen frischen, wie echten Pfer­dekopf, den Kopf eines schwarzen Pfer­des, einen schwarzmäh­ni­gen Rap­penkopf also, der gestern noch, vorgestern noch gewiehert haben mochte; denn faul war der Kopf nicht, stank nicht, höch­stens nach Mot­t­lauwasser; aber danach roch alles auf der Mole.
Schon stand der mit der Stauer­mütze — die saß ihm jetzt im Nacken — bre­it­beinig über dem Stück Gaul, aus dem sich wütend hell­grün kleine Aale schleud­erten. Der Mann hatte Mühe, sie zu fan­gen; denn Aale bewe­gen sich auf glat­ten, dazu noch feuchten Steinen schnell und geschickt.

Gün­ter Grass: „Die Blechtrommel“

Rebecca Stevenson: Beautiful One

Rebecca Steven­son: „Beau­ti­ful One“

Rebecca Stevenson: Snow Red/Rose white

Rebecca Steven­son: Snow Red/Rose white

Rebecca Stevenson: Souvenir

Rebecca Steven­son: Sou­venir

Ver­gle­iche: Berlinde de Bruyckere

Matthias Planitzer

In Phyl­lis ange­langt, freust du dich beim Anblick der vie­len ver­schiede­nen Brücken, die über die Kanäle führen, jede anders als die andere: gewölbte, gedeckte, auf Pfeil­ern, auf Barken, hän­gende, mit durch­broch­enem Gelän­der; und der man­nig­falti­gen Fen­ster, die auf die Straßen blicken: zwei­bogige, mau­rische, lanzen­för­mige, mit Spitzbo­gen, mit Lunet­ten und Roset­ten gekrönte; und der vie­len Arten von Pflaster, die den Boden bedecken: Kopf­stein, Plat­ten, Schot­ter, weiße und blaue Fliesen. An jedem Punkt bietet die Stadt dem Auge Überraschun­gen: ein Kapern­busch, der aus den Mauern der Fes­tung her­vor­s­prießt, die Stat­uen dreier König­in­nen auf einem Mauer­vor­sprung, ein Zwiebel­turm mit drei auf die Spitze gespießten Zwiebelchen. […] Bald verblaßt die Stadt vor deinen Augen, die Roset­ten ver­schwinden aus deinem Blick­feld, die Stat­uen auf den Mauer­vor­sprün­gen, die Zwiebeltürme. Wie alle Ein­wohner von Phyl­lis fol­gst du Zick­za­ck­lin­ien von einer Straße zur anderen, unter­schei­dest Sonnen‑ und Schat­ten­zo­nen, da eine Tür, dort eine Treppe, eine Bank, auf der der du den Korb abstellen kannst, ein Loch im Pflaster, über das du stolpern kannst, wenn du nicht auf­paßt. Alles übrige in der Stadt ist unsichtbar.

[Italo Calvino: „Die unsicht­baren Städte“, (Die Städte und die Augen 4)]

Matthias Planitzer

Und Herr Jérôme erhob sein großes, von weißen Haaren umgebenes Gesicht mit den markan­ten, regelmäßi­gen Zügen und sah ernst und unbe­wegt auf jede Einzel­heit, auf jede Fas­sade, auf jeden Schorn­stein, als wollte er sich ein genaues Bild ein­prä­gen von dieser neuen Stadt, die da […] emporwuchs.

[Emile Zola: „Arbeit“, 1. Teil, 1]

Matthias Planitzer

The city [New York] is a cata­lo­gue of mod­els and pre­ce­dents: all the desi­ra­ble ele­ments that exist scat­te­red through the Old World finally assem­bled in a single place.

[Rem Kool­haas: „Deliri­ous New York“, 1978]

Ich war auf Ein­ladung von Volk­swa­gen und MoMA für knapp eine Woche in New York, um der Ankündi­gung ihrer kün­fti­gen Part­ner­schaft beizu­wohnen. Zuvor gin­gen mir Gedanken durch den Kopf, wie die Stadt auf mich wirken würde, zumal die gesamte west­liche Gesellschaft in diesem einen Punkt zu kon­vergieren schien: Spielfilme, Serien, Bücher, Erzäh­lun­gen – alle wählen sie New York als Kulisse. Die Eigen­logik dieser Stadt ist fes­ter Bestandteil unserer eige­nen Kul­tur und so war fraglich, welche Gefühle vorherrschen wür­den, wenn ich New York mit eige­nen Augen sähe.

Matthias Planitzer

Die alte Maxime der Ähnlich­keit kehrt sich um. Wir mes­sen die Welt nach den Ähnlich­kei­ten, die sie mit den Bil­dern hat, und nicht umgekehrt.

[Hans Belt­ing: „Das echte Bild. Bild­fra­gen als Glau­bens­fra­gen“, 2005]

Würde ich ent­täuscht sein, weil die Stadt vielle­icht nicht meiner Vorstel­lung entspräche? Würde ich die Authen­tiz­ität New Yorks am Maßstab der vie­len Postkarten und Urlaub­s­bilder bemessen? Oder wäre ich gelang­weilt, weil ich alles schon ken­nen würde? Nichts davon trat ein. Eines war jedoch klar: Ich kön­nte Bilder zeigen, die den Daheimge­bliebe­nen bere­its bekannt wären oder stattdessen die Struk­turen und Ober­flächen aufzeigen, unter denen eine Metro­pole ver­steckt liegt, die die ele­mentaren Bestandteile unseres gemein­samen kul­turellen Bewusst­seins vereint.

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

Matthias Planitzer

(29 aus einer Serie von 39)

Via Grafik

Im Dunkel ist Wach­s­tum – Licht ver­stein­ert und erstarrt das Leben!

[Eduard Stucken: „Die weißen Göt­ter“, Bd. 2, Kap. 43]

Via Grafik: „Sooner or later it all comes down“

Via Grafik ist ein „Grafikde­sign­stu­dio und Kun­stkollek­tiv“ aus Wies­baden, dessen obige Instal­la­tion als Auf­tragsar­beit für das Prager Name Fes­ti­val entstand.

Felix Schramm

Schreie stolpern die Treppe hinab. Die Wände bersten vor Schmerz. Wehk­la­gen win­selt um die Säulen. Die Amoret­ten an den Decken weinen.

[Klabund: „Moreau. Roman eines Soldaten“]

Felix Schramm: One of

Felix Schramm: „One of“

Felix Schramm: Omission

Felix Schramm: „Omission“

Felix Schramm: Recto

Felix Schramm: „Recto“

Art­net: „Neu­tral­ität der Ver­rück­ung“
Art­net: „Reiner Wucher“
Art-in-Berlin: „Piepen­brock Förder­preis: Felix Schramm: SOFT CORROSION“

Will Steacy

„Das arme Geschöpf ist recht krank“, antwortete er.
„Was fehlt ihr?“
„Sie hat es auf der Brust, mein Lieber, und da sie ein Leben geführt hat, das nicht geeignet ist, sie zu heilen, liegt sie im Bett und stirbt.“

[…]

Dann, mit der enteilen­den Zeit, schien der unmit­tel­bare Ein­druck, wenn auch nicht die Erin­nerung, langsam in mir zu verblassen.

[Alexan­dre Dumas: „Die Kamel­len­dame“, VII. Kapitel]

Will Steacy: School girl

Will Steacy: „School Girl“

Will Steacy sam­melte im überschwemmten New Orleans verblich­ene Fotografien aus verblich­enen Tagen möglicher­weise verblich­ener Men­schen. Sie sind eine Erin­nerung an eine Zeit davor, die erzäh­lerisch ver­suchen, gegen die Vergessen­heit anzukämpfen, dabei scheit­ern, ein durch Schmerz und Leid verz­er­rtes Bild geben. – „The Human Stain“.

Will Steacy: Father & Daughter

Will Steacy: „Father & Daughter“

Will Steacy: Pink Face

Will Steacy: „Pink Face“

Will Steacy: Necklace

Sonja Vordermaier

Um meine Seele lagen dun­kle Schat­ten,
Die immer düsterer sie eingeengt
Gle­ich schw­eren, schwarzen Raben­schwin­gen hat­ten;
Und hoff­nungs­los im Inner­sten bedrängt,
Umrauschte sie vom fer­nen Styxges­tade
Ein Luftzug, der sich tödlich niedersenkt. […]

[Kaiserin Elis­a­beth „Sissi“ von Öster­re­ich: „Schatten“]

Sonja Vordermaier: Schatten 28

Sonja Vordermaier: Schatten 28

Sonja Vor­der­maier: „Schat­ten 28“

Sonja Vordermaier: Schatten 2

Sonja Vordermaier: Schatten 2

Sonja Vor­der­maier: „Schat­ten 2“

Kat­a­log zum Hec­tor Kun­st­preis 2006: Schat­ten
Peter Funken: Über Sonja Vor­der­maiers Skulp­tur „Schat­ten 2“, als Kunst­werk des Hybri­den und Dystopischen.

Willem de Kooning

And let my dying words be bet­ter with you
Than my dull liv­ing actions; if you aime
At the dear life of this sweet Inno­cent,
Y’are a Tyrant and a sav­age Mon­ster;
Your mem­ory shall be as foul behind you
As you are liv­ing, all your bet­ter deeds
Shall be in water writ, but this in Mar­ble
:
No Chron­i­cle shall speak you, though your own,
But for the shame of men.

[Fran­cis Beau­mont, John Fletcher: „Phi­laster“, Akt V, Szene 1]

Willem de Kooning: "Whose name was writ in water"

Willem de Koon­ing: „Whose name was writ in water“

Here lies one whose name was writ in water.

[Inschrift des Grab­steins von John Keats]

Keats et de Koon­ing: Pour un roman­tisme expres­sion­niste abstrait ou la mise en image de l’épitaphe

Πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει

(„Alles bewegt sich fort und nichts bleibt.“ bzw. „Man kann nicht zweimal in densel­ben Fluß steigen.“) – Pla­ton, nach Heraklit]

Gle­ich mit jedem Regen­gusse
Ändert sich dein holdes Tal,
Ach, und in dem sel­ben Flusse
Schwimmst du nicht zum zweitenmal.

[Goethe: „Dauer im Wechsel“]

Marilyn Manson

HAMM: Last night Ⅰ saw inside my breast. There was a big sore.
CLOV: Pah! You saw your heart.

[Samuel Beck­ett: „Endgame“]

Marilyn Manson: Sympathy generator

Mar­i­lyn Man­son: „Sym­pa­thy generator“

Vija Celmins

Die Lust wird hier, selbst bei heit­erem Son­nen­schein, auch in diesem Monat unaufhör­lich durch frische Seewinde abgekühlt, die das Meer bald nur lieblich kräuseln, bald in hohen Wellen bewe­gen. Dieser Anblick des Meeres ist für mich hier das­jenige, was dem Aufen­thalt seinen eige­nen Reiz gibt. Ich besuche den Strand gewöhn­lich jeden Tag mehr als ein­mal außer dem Baden und oft auf Stun­den. So ein­fach die Bewe­gung des Meeres scheint, so ewig anziehend bleibt es, ihr zuzuse­hen. Man kann es nicht mit Worten aus­drücken, was einen ger­ade daran fes­selt, aber die Empfind­ung ist darum nicht weniger wahr und dauernd. Viel trägt gewiß die Uner­meßlichkeit der Erschei­n­ung, der Gedanke des Zusam­men­hanges des einzel­nen Meeres, an dessen Küste man steht, mit der ganzen, Welt­teile auseinan­der hal­tenden Masse bei. Diese malt sich wirk­lich, kann man sagen, in jeder einzel­nen Welle. Das Dun­kle, Uner­gründliche der Tiefe tut auch das ihrige hinzu, und nicht bloß das der Tiefe, son­dern auch das Unerk­lär­liche, Unver­ständliche dieser wilden und uner­meßlichen Massen der Luft und des Wassers, deren Bewe­gun­gen und Ruhe man weder in ihren Ursachen, noch in ihren Zwecken ein­sieht, und die doch wieder ewigen Geset­zen gehorchen und nicht die ihnen gezo­ge­nen Gren­zen überschre­iten. Denn die bewegtesten Wellen des Meeres laufen in spie­len­den Hal­bkreisen schäu­mend auf dem flachen Lande aus.

[Wil­helm Hum­boldt: Briefe an eine Fre­undin (Norder­ney, 26. Juli 1831)]

Vija Celmins: Ohne Titel (Big Sea #1)

Vija Celmins: Ohne Titel (“Big Sea #1″)

Vija Celmins: Ohne Titel

Vija Celmins: Ohne Titel

Vija Celmins: Ocean Surface 1

Vija Celmins: „Ocean Sur­face 1“

Frieze: Vija Celmins
Art21: Inter­view mit Vija Celmins – „Build­ing Sur­faces“
NYT (März 1983): The sea and stars as seen by Vija Celmins

 
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