Anonym

Von jenem ban­ner­schwin­gen­den Augen­blick bis heute, wo ich über die Sechzig geschrit­ten bin, haben mir die Far­ben keine Ruhe mehr gelassen. Sie regierten irgend­wie mein Leben. Sie eroberten nicht bloss mein Auge, sie nah­men auch meine Seele. Das knabenselige Grün, das noble Vio­lett, das jauchzende, blu­tende Rot, vor allem aber das Zitro­nen­gelb berauschten mich oft, wie der stärk­ste Wein es nicht kon­nte. Und dieser Rausch hielt an. Ganz ernüchtert davon, war ich es je? Ich habe in diesen Far­ben nie nur Far­ben gese­hen. Es wider­steht mir schon, sie ein­fach Far­ben zu nen­nen, was zu sehr nach Schein, Äusser­lichkeit und blosser Bek­lei­dung riecht. Sie gel­ten mir als selb­ständige Dinge, von eigenem, wahrhaft per­sön­lichem Wesen und von einem ganz erlauchten her­rischen Charakter.

[aus Hein­rich Fed­erer: „Gelb“]

Anonym (Einsendung bei Postsecret)

Anonym (Ein­sendung bei Post­se­cret)

 
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