Vija Celmins

Die Lust wird hier, selbst bei heit­erem Son­nen­schein, auch in diesem Monat unaufhör­lich durch frische Seewinde abgekühlt, die das Meer bald nur lieblich kräuseln, bald in hohen Wellen bewe­gen. Dieser Anblick des Meeres ist für mich hier das­jenige, was dem Aufen­thalt seinen eige­nen Reiz gibt. Ich besuche den Strand gewöhn­lich jeden Tag mehr als ein­mal außer dem Baden und oft auf Stun­den. So ein­fach die Bewe­gung des Meeres scheint, so ewig anziehend bleibt es, ihr zuzuse­hen. Man kann es nicht mit Worten aus­drücken, was einen ger­ade daran fes­selt, aber die Empfind­ung ist darum nicht weniger wahr und dauernd. Viel trägt gewiß die Uner­meßlichkeit der Erschei­n­ung, der Gedanke des Zusam­men­hanges des einzel­nen Meeres, an dessen Küste man steht, mit der ganzen, Welt­teile auseinan­der hal­tenden Masse bei. Diese malt sich wirk­lich, kann man sagen, in jeder einzel­nen Welle. Das Dun­kle, Uner­gründliche der Tiefe tut auch das ihrige hinzu, und nicht bloß das der Tiefe, son­dern auch das Unerk­lär­liche, Unver­ständliche dieser wilden und uner­meßlichen Massen der Luft und des Wassers, deren Bewe­gun­gen und Ruhe man weder in ihren Ursachen, noch in ihren Zwecken ein­sieht, und die doch wieder ewigen Geset­zen gehorchen und nicht die ihnen gezo­ge­nen Gren­zen überschre­iten. Denn die bewegtesten Wellen des Meeres laufen in spie­len­den Hal­bkreisen schäu­mend auf dem flachen Lande aus.

[Wil­helm Hum­boldt: Briefe an eine Fre­undin (Norder­ney, 26. Juli 1831)]

Vija Celmins: Ohne Titel (Big Sea #1)

Vija Celmins: Ohne Titel (“Big Sea #1″)

Vija Celmins: Ohne Titel

Vija Celmins: Ohne Titel

Vija Celmins: Ocean Surface 1

Vija Celmins: „Ocean Sur­face 1“

Frieze: Vija Celmins
Art21: Inter­view mit Vija Celmins – „Build­ing Sur­faces“
NYT (März 1983): The sea and stars as seen by Vija Celmins

 
Ganymed - ein Projekt von Castor und Pollux