Matthias Planitzer
In Phyllis angelangt, freust du dich beim Anblick der vielen verschiedenen Brücken, die über die Kanäle führen, jede anders als die andere: gewölbte, gedeckte, auf Pfeilern, auf Barken, hängende, mit durchbrochenem Geländer; und der mannigfaltigen Fenster, die auf die Straßen blicken: zweibogige, maurische, lanzenförmige, mit Spitzbogen, mit Lunetten und Rosetten gekrönte; und der vielen Arten von Pflaster, die den Boden bedecken: Kopfstein, Platten, Schotter, weiße und blaue Fliesen. An jedem Punkt bietet die Stadt dem Auge Überraschungen: ein Kapernbusch, der aus den Mauern der Festung hervorsprießt, die Statuen dreier Königinnen auf einem Mauervorsprung, ein Zwiebelturm mit drei auf die Spitze gespießten Zwiebelchen. […] Bald verblaßt die Stadt vor deinen Augen, die Rosetten verschwinden aus deinem Blickfeld, die Statuen auf den Mauervorsprüngen, die Zwiebeltürme. Wie alle Einwohner von Phyllis folgst du Zickzacklinien von einer Straße zur anderen, unterscheidest Sonnen‑ und Schattenzonen, da eine Tür, dort eine Treppe, eine Bank, auf der der du den Korb abstellen kannst, ein Loch im Pflaster, über das du stolpern kannst, wenn du nicht aufpaßt. Alles übrige in der Stadt ist unsichtbar.
[Italo Calvino: „Die unsichtbaren Städte“, (Die Städte und die Augen 4)]

Und Herr Jérôme erhob sein großes, von weißen Haaren umgebenes Gesicht mit den markanten, regelmäßigen Zügen und sah ernst und unbewegt auf jede Einzelheit, auf jede Fassade, auf jeden Schornstein, als wollte er sich ein genaues Bild einprägen von dieser neuen Stadt, die da […] emporwuchs.
[Emile Zola: „Arbeit“, 1. Teil, 1]

The city [New York] is a catalogue of models and precedents: all the desirable elements that exist scattered through the Old World finally assembled in a single place.
[Rem Koolhaas: „Delirious New York“, 1978]
Ich war auf Einladung von Volkswagen und MoMA für knapp eine Woche in New York, um der Ankündigung ihrer künftigen Partnerschaft beizuwohnen. Zuvor gingen mir Gedanken durch den Kopf, wie die Stadt auf mich wirken würde, zumal die gesamte westliche Gesellschaft in diesem einen Punkt zu konvergieren schien: Spielfilme, Serien, Bücher, Erzählungen – alle wählen sie New York als Kulisse. Die Eigenlogik dieser Stadt ist fester Bestandteil unserer eigenen Kultur und so war fraglich, welche Gefühle vorherrschen würden, wenn ich New York mit eigenen Augen sähe.

Die alte Maxime der Ähnlichkeit kehrt sich um. Wir messen die Welt nach den Ähnlichkeiten, die sie mit den Bildern hat, und nicht umgekehrt.
[Hans Belting: „Das echte Bild. Bildfragen als Glaubensfragen“, 2005]
Würde ich enttäuscht sein, weil die Stadt vielleicht nicht meiner Vorstellung entspräche? Würde ich die Authentizität New Yorks am Maßstab der vielen Postkarten und Urlaubsbilder bemessen? Oder wäre ich gelangweilt, weil ich alles schon kennen würde? Nichts davon trat ein. Eines war jedoch klar: Ich könnte Bilder zeigen, die den Daheimgebliebenen bereits bekannt wären oder stattdessen die Strukturen und Oberflächen aufzeigen, unter denen eine Metropole versteckt liegt, die die elementaren Bestandteile unseres gemeinsamen kulturellen Bewusstseins vereint.


























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